Hei og god dag!

In dieser Rubrik möchte ich euch Einblicke in die „Strickszene“ im Norden geben, euch Bücher, Blogs und Instagrammer, Tricks und Trends aus den Gefilden meiner zweiten Heimat vorstellen.

Was mich dazu beruft? Nun, mir wurde eine doppelte Staatsbürgerschaft in die Wiege gelegt (NO / DE), ich habe in Schweden und Norwegen gelebt (spreche beide Landessprachen), habe eine „Leihfamilie“ in Schweden, und verbringe gerne Zeit bei ihnen und in den Wäldern um unser Ferienhaus in Skåne.

Tvåändsstickning

Tvåändstickning Beispiel bei Pinterest

Tvåändstickning Beispiel bei Pinterest

So wie „Tesa“ und „Tempo“ in unserem Wortschatz zu Synonymen für ganze Produktklassen genutzt werden, so ist wohl das mehrfarbige Norwegermuster quasi der Inbegriff der nordischen Stricktechnik. Dabei wurde die Technik auch in anderen Teilen der Welt genutzt, zum Beispiel auf den Shetland Inseln – wie Fair Isle, weswegen man die Technik auch „Fair Isle stricken“ nennt.

Geografisch gesehen liegen diese Inseln überraschend nah an Norwegen, weshalb es immer rege Kontakte gab. Dass sich die Seefahrer und Fischer im Laufe der Zeit auch über die Herstellung von relativ winddichten Strickpullovern ausgetauscht haben, war irgendwie klar. Die guten Beziehungen zwischen den Küsten hat sich im zweiten Weltkrieg gerade für Norwegen sehr gut bezahlt gemacht: Der sogenannte „Shetland Bus“ war eine gut befahrene Schmuggelroute über die das besetzte Norwegen mit den alliierten Engländern in Kontakt bleiben konnten. Viele Flüchtlinge wurden auf dieser Strecke in Sicherheit gebracht, außerdem konnte die Exilregierung in London den Widerstandskämpfern im Heimatland auf diesem Wege Unterstützung zukommen lassen.

Auch die Schweden waren – in der baltischen Region – gut vernetzt, schon immer bestanden lebhafte Handelsbeziehungen zwischen den Skandinaviern und anderen Ostsee-Anrheinern, die Wikingersiedlung Haithabu bei Schleswig ist ein Zeugnis vom engen Kontakt.

Und doch haben die Nordlichter eine Stricktechnik entwickelt, die es bis heute nicht wirklich aus dem Norden raus geschafft hat: das Tvåändsstickning(SE)/Tvebandsstrikking(NO), ungefähr zweiendiges Stricken.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst…

Tvåändsstickning ist wie das Fair Isle stricken eine Technik mit der besonders warme und winddichte Strickwaren hergestellt werden können. Und zwar wird auch hier mit zwei Fäden gleichzeitig gestrickt, jedoch anders als beim Fair Isle häufig einfarbig. Meistens werden einfach beide Enden eines Knäuels abwechselnd gestrickt. Zwischen jeder Masche werden die beiden Fäden verdreht, und der zweite Faden wird wie eine Flotte hinter der Masche hergeführt.Genau wie beim Fair Isle wird so eine zusätzliche Wärmeschicht gebildet. Auf englisch nennt man diese Art zu stricken twined knitting, weil immer wieder die Fäden gedreht (twined) werden.

Obwohl in Schweden normalerweise nach „kontinentaler“ Art – Faden an der linken Hand – gestrickt wird, geht das zweiendige stricken am besten mit den Fäden in der rechten Hand, sie werden dann wie bei der amerikanischen Art um die Nadel gelegt. Dadurch wird man natürlich nicht unbedingt zum Speed-Stricker…

Und warum der Aufwand?

Also wer schonmal einen nordischen Winter überstehen musste hat zwei relevante Einsichten:

1. Es wird saukalt und der kalte Wind dringt bis in die Knochen. Der Skandinavier an sich verbringt trotzdem viel Zeit draußen; also müssen die Winteraccessoires so warm und dicht wie möglich sein.

2. Nachdem man draußen war hat man noch viel dunkle Zeit zu überbrücken, da hat man auch Geduld für eine zeitaufwendige Beschäftigung, die 1. erträglicher macht 😉

Ganz nebenbei lassen sich mit tvåändsstickning tolle Effekte erzielen. Einfache links-rechts-Muster wirken durch die etwas andere Maschenform deutlich plastischer (s.o.). Außerdem kann man toll mit verschiedenen Farben Muster stricken, und das sogar ohne die lästigen Flottierfäden auf der Rückseite.

Die eisige Rückkehr des Winters macht mir jedenfalls Lust auf eine warme Mütze und warme Handschuhe, daher werde ich mich mal genauer in diese Technik einlesen. Was meint ihr? Sollten wir mithilfe des Internets die 400-jährige Tradition nach Deutschland bringen?