Mitbringsel aus Bergen

Irgendwann vor ein paar Wochen hat es mich gepackt.

Ich war gerade dabei meine Reiseplanungen für August / September zu machen, und die Menge an Terminen hat mir kurz den Atem genommen. Berlin, Bayern, Bremen, Baden Württemberg, NRW, teilweise 800 km am Tag auf der Autobahn. So viele Kilometern, wie ich da plante, fahren andere Leute wahrscheinlich im ganzen Jahr. Und mir wurde schlagartig klar: Ich brauch ne Pause um das durchzuhalten.

Bergen ist mein Ruhepol

Also habe ich einen Flug gebucht. Mehr Kilometer. Aber für ein Wochenende in der alten Heimat – zum Ausspannen.

Zur Erholung finde ich es immer gut an einen bekannten Ort zurückzukehren, also keinen Erlebnisdruck zu haben. Ich kenne Bergen, denn ich habe dort mal gelebt. Es ist der regenreichste Ort Europas, und nach diesem Sommer sehnte ich mich quasi danach bei Nieselregen im Café der Bibliothek zu sitzen, Strickzeug und Bücher um mich zu verteilen, und Luft zu holen. Nebenbei wollte ich mal wieder schauen was es bei (Strick-)Literatur und Garn an Neuigkeiten gibt. Und für den Winter einen Vorrat an Süßigkeiten anlegen 🙂

Der ursprüngliche Plan ist etwas abgewandelt worden, da ich dann doch nicht alleine geflogen bin. Und das war sogar noch toller als erhofft. Denn das Nieselwetter blieb aus, und bei Sonnenschein alleine drinnen sitzen ist halt doch nicht meins.

Bücher habe ich tatsächlich keine gekauft. Dafür aber in der Bibliothek geschmökert und notiert nach welchen Büchern ich online suchen muss. Zwei Strickbücher, ein Sachbuch über die Exilregierung und den Widerstand gegen die Nazibesatzung, und ein Roman werden’s. Zum Glück liefert Bokkilden.no auch nach Deutschland.

Garn allerdings… 

Meine ursprüngliche Planung war es zum Fabrikverkauf von der Hillesvåg Ullvarefabrikk zu fahren. Das wäre von Bergen aus eine halbe Stunde mit dem Bus gewesen – absolut machbar. Aber dann war für den geplanten Tag einfach phänomenales Wetter angesagt…also Planänderung.

Wir sind dann “kurz” in den Husfliden gegangen, da gibt es auch Hillesvåg Garn. Teurer zwar, aber dafür haben wir ja die Bustickets gespart und Zeit gewonnen.

Hillesvåg

Es sind 3 Stränge Vilje (100% Lammwolle) in weiß, und 4 Stränge Sølje in unterschiedlichen Blautönen mitgekommen. Sølje ist Pelsull, also Wolle vom Pelzschaf. Das wollte ich immer schonmal ausprobieren. Beide Garne haben die gleiche Maschenprobe, und können laut Banderole gut kombiniert werden. Prima – das könnte doch eine tolle Strickjacke für mich werden.

Und da ich kein Reiseprojekt mehr hatte, gab es außerdem ein Knäuel Sockenwolle Hillesvåg “Fjord. 80% Wolle, 20% Nylon, nicht superwash behandelt – und ausdrücklich filzanfällig. Aber das muss ja nicht immer schlimm sein.

Übrigens auch nur gut, dass ich den Strang an der Markierung (yay wie clever!)geteilt habe, sonst hätte ich nach dem ersten Socken nicht mehr ausreichend Garn für den zweiten gehabt. Denn der erste Eindruck trügt: Was aussieht wie ein handelsübliches Sockengarn in Deutschland, ist deutlich dicker. Nur 250m / 100g, Regia und Konsorten haben 400m. Das Sandnes Sockengarn Sisu, übrigens auch 80% norwegische Wolle / 20% Nylon, liegt mit 350m / 100 g ziemlich genau dazwischen.

Trotzdem habe ich ganz “normale” Socken auf 2,5mm Nadeln angeschlagen. Die sind laut Banderole auch empfohlen. Dann wieder geribbelt, denn glatt rechts sah total langweilig aus. Im “Petty Harbor” Muster kommt das tolle Garn viel besser zur Geltung. Am Ende der 50g habe ich ein langes Bündchen und die Ferse aus einem Rest Alpakka Strømpegarn von Sandnes gestrickt. Das ist eigentlich auch eher ein 6-fädiges Sockengarn, aber auf den dünnen Nadeln habe ich jetzt mit der dicken Wolle eine locker aber gut sitzende, recht dicke Socke über 60 Maschen gestrickt. Wenn ich bald wieder in Gummistiefeln mit dem Hund vor die Tür muss, dann juble ich. Gut eingesetzte ca. 7€!

Rauma

Beim Husfliden gibt es immer auch Rauma. Und da hatte ich einige Wünsche. Mitgekommen ist aber gar nicht so viel.

550 g Lammwolle. In Grau und Blau – also keine Überraschung.

Eigentlich wollte ich unbedingt Spælsaugarn von Rauma haben. Auch so ein rassespezifisches Garn, weich, und dank langer Stapellänge soll es nicht pillen, dafür toll glänzen.

Ich hätte es im Husfliden bekommen können, aber das Etikett “møllbehandlet” (Gegen Motten behandelt) hat mich abgehalten. Denn das bedeutet, dass mithilfe eines Gifts ein Mottenbefall verhindert werden soll. Mein Arzt warnt aber so dringend vor diesem Nervengift, dass ich das Spælsaugarn tatsächlich liegen gelassen habe.

Auch von den Klassikern, 3-tråd und Finull, habe ich die Finger gelassen. Es ging ja auch um Platz im Koffer, da musste hausgehalten werden. Ich wollte lieber eine Pullovermenge in einem schön dünnen Garn haben… Lammwolle war da perfekt.

4 Knäuel anthrazit werden der Hintergrund, die helleren blauen und grauen Farbtöne werden der Kontrast.

Mein Gesamteinkauf beim Husfliden lag bei 140€ – für 1350g Wolle… und da sag mal jemand dass Norwegen so teuer ist 😉 (Beim Bier danach ist übrigens der Eindruck wieder zurecht gerückt worden)

Wir waren auch zwischendurch noch in einem anderen Garnladen, am Norwegian Spirit im Hauptbahnhof kommt man kaum vorbei. Saskia hatte mich gebeten eine Farbe Sølje mitzubringen die es beim Husfliden nicht gab. Leider war auch hier die passende Farbe nicht ausreichend vorrätig.

Unwollig in Bergen

Nach meinem Kaufrausch haben wir es uns in Bergen gut gehen lassen, sind gewandert, Boot gefahren, haben Fischsuppe, Wal und Rentier gegessen. Erst am letzten Tag haben wir wieder wolliges Programm gemacht. Übrigens habe ich in der ganzen Zeit nicht einmal eine halbe Socke gestrickt 😮

Strickmuseum


Etwas außerhalb von Bergen, in Salhus, befindet sich das norwegische Strickmuseum – dort wurde übrigens damals der Rekordversuch vom Schaf zum Pulli unternommen, hier kannst du über diese Folge norwegisches Slow TV nachlesen.

Unser Rückflug ging erst abends, und zeitlich kam der Abstecher genau hin, also ab dafür. Und ich kann dir diesen Ausflug nur empfehlen. Zugegebenermaßen ist man dort scheinbar nicht wirklich auf ausländischen Besuch eingerichtet, zwar ist der Einführungsfilm auf englisch untertitelt, aber für den Rest des Museums habe ich simultan übersetzt.

Dafür ist das Museum wirklich für jeden was. Unsereins kann den Weg der Wolle vom Kardieren bis zur Nähstube nachvollziehen, das “mannfolk” wird von den historischen Maschinen beeindruckt. Jeder Schritt wird vorgeführt, wir haben vor lauter Staunen komplett die Zeit vergessen.

Am Ende habe ich noch ein kleines Souvenir aus dem Museumsshop mitgenommen, denn das Museum stellt ein eigenes Garn her. Auf der historischen Zwirnmaschine wird Kammgarn von Hillesvåg versponnen. Tolle melierte Farben, mehrere Fäden aus der gleichen Farbfamilie verzwirnt.

Für meine Minimaschen habe ich kleine Mengen blau, grün und rot gekauft. Aber am tollsten fand ich den “Restzwirn”: Eine Grundfarbe wird mit Restfäden der bunten Farben verzwirnt. Dabei werden mehrere Farben wie bei einem Bobbel verknotet. Einen Mini-Strang musste ich einfach haben. Er ist dünner als die einfarbigen Stränge, daher werde ich ihn mit Sockenwolle zu einem Sainte Chapelle zu stricken.

Zu guter Letzt habe ich noch einen Kontraststrang zu den Kinderfarben gekauft, einen weißen Restbestand vom Festivaltvinn vom Bergen Strikkefestival 2017 – dieses Strickfest wird im Museum ausgerichtet. Ende diesen Monats übrigens wieder. Nächstes Jahr werde ich versuchen dazu passend zurückzukommen. Hoffentlich wieder mit so tollem Wetter!

Abschließend kann man nur sagen: Wo kann man toll Urlaub machen (und Garn shoppen)?