Mit inzwischen 6 1/2 Monaten wird der Neffe zunehmend interaktiver – soll heissen: Man merkt dass er auf verschiedene Menschen unterschiedlich reagiert, dass er seine Umwelt wahrnimmt und offensichtlich schon kleinere Zusammenhänge erkannt werden.

Er erkennt mich inzwischen, strahlt über das ganze Gesicht wenn ich die Treppe hochkomme und freut sich auf den Tanten-Arm zu kommen. Er ist allgemein ein seeeeeehr pflegeleichtes Bürschlein. Oder vielleicht auch andersrum: Er wird so intensiv umsorgt, er kommt von selbst nicht mal auf die Idee noch mehr Aufmerksamkeit einfordern zu müssen. Stattdessen scheint er wohlwollend zu akzeptieren, dass sich die Welt um ihn dreht, und alles nach Wunsch verläuft. Er kennt es ja auch nicht anders.

Der Neffe hat es ja eigentlich bestens, er scheint das auch zu wissen. Er könnte ja jetzt auch friedlich weiter die Brust nehmen, aus dem Fenster gucken, und das ruhige nette Baby bleiben, das von allen angehimmelt wird. Ein äußerer Grund für Weiterentwicklung besteht ja eigentlich gar nicht.

Aber irgendeine Kraft in ihm drin treibt ihn. Nicht in die Bewegung (meine Güte kann dieser Wicht still halten!), aber in die Erkundung! Die Oberfläche vom Goosebumps Tuch um meinen Hals? Wahnsinn! Nagellack auf den Tantenfingern? Inspektion! Erwachsenenessen auf einem Teller? Mindestens anfassen!

Je neuer und fremder etwas ist, desto interessierter ist der kleine Mann. Kindliche Neugier halt.

Und ich freue mich für ihn. Denn seine Neugier ist willkommen, wird gefördert und positiv bestärkt. Es wird noch lange (und hoffentlich sehr lange) dauern bis er aufhört unbeschwert auszuprobieren. Ich hoffe für ihn, dass er nach negativen Erfahrungen seine Lehren zieht, aber weitermacht. Dass ihn die erste heiße Herdplatte lehrt vorsichtig zu sein, aber keine Angst vor Kochstellen zu entwickeln.

Im Grunde genommen wünsche ich ihm, dass er eine gehörige Frustrationstoleranz aufbaut. Dass er auch mal scheitern kann, und am nächsten Tag wieder angstfrei von vorne anfangen kann.

Ich versuche das auch in meinem Erwachsenenleben strikt durchzuziehen, mich von Ängsten und schlechten Erfahrungen nicht einschränken zu lassen. Dabei bin ich schon so weit gegangen, dass ich mich eine Weile gezwungen habe 1x im Monat zu fliegen, damit ich meine aufkeimende Flugangst im Schach halten konnte und nicht umgekehrt.

Ohne diese Bereitschaft zu scheitern und von vorne anzufangen, und mich auch mal selbst zum durchbeissen zu zwingen, könnte ich nicht kreativ arbeiten. Oder zumindest nicht so vielseitig. Denn bei jeder neuen Idee für ein Strickdesign weiß ich: Mit gewisser Wahrscheinlichkeit muss ich alles wieder aufmachen. Trotzdem fange ich an – genau wie der Neffe nach dem Nagellackdaumen greift – der ist spannend – ihn in den Mund steckt – schmeckt doch nur nach Daumen – und wieder ausspuckt. Beim nächsten Teil – Kochlöffel – greift er mit genauso großer Begeisterung zu, nuckelt dran rum, stellt fest: geschmacksneutral, und spuckt aus. Das wiederholt er mit Engelsgeduld, bis dann doch mal ein Löffel mit Brei oder ein Stück Apfel die Geschmacksnerven beglückt.

Nach ähnlichem Verfahren habe ich übrigens die Pairfect Latzhose ausgetüftelt:

Die Pairfect Pants waren mehr oder weniger ein Zufall. Eine fixe Idee, die beim ersten Versuch klappte, und bereits im zweiten Versuch perfektioniert war.

Aber als der Neffe endlich groß genug für seine Pairfect Pants war, war er schon aus zwei gestrickten Latzhosen (1 & 2) nach Klompelompe Anleitungen herausgewachsen. Und die Windelwechsler überraschten mich, als sie sagten: eigentlich hätten sie gerne noch eine Latzhose. Denn noch läge er ja viel, und wenn er hin- und herrutscht, dann bliebe die Hose dank Latz wo sie hingehört. Das rechtfertige sogar den zusätzlichen Windelwechselaufwand.

Das war im August. Und seither habe ich getüftelt. Von Zufall kann hier keine Rede sein.

Chronologie 

Erst habe ich ein Knäuel in der Farbe “Adria” verstrickt. Habe alles ausprobiert, geribbelt, wieder probiert, wieder geribbelt, und nach wochenlangen Versuchen schließlich eingesehen: Das geht nicht.
(Zumindest nicht mit meiner Pingeligkeit, denn ich will dass die Streifen genau hinkommen)

Also habe ich wieder geribbelt und eine normale Pairfect Pants daraus gemacht.

Aber aufgeben gibt’s nicht, und so bin ich wieder ins Lager, habe mir ein Knäuel der Farbe “Cinamon” rausgesucht, und entschieden dass dann eben nur die die Beine geringelt werden, aber dass es eine Latzhose geben wird.

LatzhoseNicht dass du glaubst mit neuer Farbe wäre alles ein glatter Rutsch gewesen: Auch Cinamon wurde mit Sicherheit 20x an unterschiedlichen Stellen geribbelt, bis dann endlich alles so hinkam wie gewünscht, aber am Ende ging es.

Also schnell aufgeschrieben, testen lassen, warten bis alle fertig waren, Korrekturen eingearbeitet, und jetzt endlich ist das neue Muster soweit! Du kannst es jetzt bei Ravelry runterladen. Julia hat auch darüber geschrieben, dass man mit einigen Anpassungen auch die komplett gemusterten Varianten der Pairfect benutzen kann, das wäre nur für die Anleitung zu umfangreich geworden.

Der kleine Mann trägt zur Latzhose seinen Emilbody, über den hatte ich hier schonmal geschrieben. Aus beidem wird er sehr sehr bald wieder rausgewachsen sein, vor allem wenn diese Neugier auf Nahrung anhält 😉

Übrigens habe ich vor demnächst mal den Kochlöffel in Kartoffelpürree zu tunken bevor ihn der Neffe in die Hand kriegt – mal sehen wie er darauf reagiert wenn das Ding auf einmal doch nach was schmeckt. Eine frühe Lektion in: Gib den Dingen auch mal eine zweite und dritte Chance 🙂

(Leider stammte keins der beiden Knäuel aus meinem Privat-Stash, so dass leider 200g Sockenwolle ohne Stash-Effekt verstrickt wurden…)