<Komplett strickfreier Beitrag – aber das musste mal raus>

Seit Monaten trage ich mich mit dem Gedanken eine neue Rubrik im Blog zu machen: “Food for Thought” – grob übersetzt in etwa Nahrung zum Nachdenken. Komplett strickfrei. Stattdessen ein Rezept und einige meiner Gedanken zum aktuellen Zeitgeschehen.

Seit Monaten schiebe ich das vor mir her, weil ich denke: Food Blogs können das eine besser, und über Politik, Geld und Religion sollte man im Internet lieber erst gar nicht anfangen.

Aber “thought” muss mal raus:

Es geht gerade eigentlich um ein erstmal ausschließlich amerikanisches Thema: Brett Kavanaugh.

Dieser Mann, den Trump für den obersten Gerichtshof in Amerika nominiert hat. Zugegeben, er hätte Mutter Theresa vorschlagen können, und die Demokraten hätten etwas an ihr auszusetzen gehabt. So verbohrt sind inzwischen beide Seiten, das muss man ganz offen mal sagen.

Und als die ersten Vorwürfe kamen, Kavanaugh habe als Teenager übermäßig getrunken und sei Mädchen gegenüber übergriffig geworden, da war ich versucht des Teufels Advokat zu sein. Denn wenn nur Kandidaten mit blütenreiner Weste und einer Jugend im Kinderchor für öffentliche Ämter tragbar sind; wenn es nicht mehr akzeptiert wird aus Fehlern gelernt zu haben, dann würden wir in Zukunft nur noch von helikopter-beelterten Kindern aus heile-Welt-Haushalten regiert.

Eine gewisse Erfahrung mit menschlichen und sozialen Abgründen, gepaart mit dem Willen die Zukunft für andere positiver zu gestalten, das finde ich persönlich vielsprechender als einen optimal geschmacksneutralen Lebenslauf. Wie gesagt: wenn aus Fehlern gelernt wurde.

Doch dann kam die Anhörung vor dem Justizkomitee des Senats. Eine ehemalige Mitschülerin von Kavanaugh brachte ihre Vorwürfe souverän vor, er habe – mit einem Freund – vor 35 Jahren auf einer Feier versucht sie zu vergewaltigen.

Das mag man glauben oder auch nicht, für uns Europäer ist das Thema damit auch eigentlich gegessen.

Aber ist es das wirklich?

Denn für mich beginnt mit den Reaktionen auf die Aussagen die für mich ganz nahe Problematik: in meinem Umfeld zweifelt nicht eine einzige Frau daran, dass solche Vorfälle gang und gäbe sind. Wir haben sie alle schon direkt oder indirekt erlebt.

Die männlichen Reaktionen dagegen gehen davon aus, dass Frauen latent übertreiben. Klar gibt es sowas mal, aber das sind dann nur dunkle Gestalten, “keiner von uns”. Das mag dann eine soziale, religiöse oder nationale Abgrenzung sein, aber “keiner von uns” auf jeden Fall. Und warum würde man 35 Jahre schweigen?

Nimmt man dazu diesen Artikel aus der Washington Post, dann fällt mir auf: Vielleicht reden wir wirklich nicht genug darüber. Wir – die Frauen.

Wie häufig wir Frauen von “einem von uns” behandelt werden, als wären wir Objekte zum Lustabbau, das behalten wir fast immer für uns.

Wenn mal ein Mann aus meinem Umfeld dabei war, dann fiel er aus allen Wolken, konnte nicht fassen wie ich so ruhig bleibe. Natürlich bleibe ich ruhig. Für mich ist das, zwar nicht gerade Alltag, aber Routine. Mir wurde beigebracht mich aus der Situation zu entfernen und den Mann nicht zu provozieren. Ich weiß dass ich körperlich schwächer bin.

Und zum Glück waren alle Vorfälle bisher so “harmlos”, dass ich die gleiche Taktik verfolgen kann wie gegen Flugangst: Ich lasse mir die Welt nicht von Angst und Sorge kleiner machen. Klar, ich bin vorsichtig, steige in keine Propellermaschine der drittklassigen Airline einer Bananenrepublik, und natürlich laufe ich nicht nachts betrunken im kurzen Rock alleine durch die Gegend.

Garantiert es mir körperliche Unversehrtheit? Nein. Auch erstklassig gewartete Flugzeuge können verunglücken, und auch mit konservativer Kleidung kann mir der falsche Mann begegnen.

Aber: Im Gegensatz zu meinen Vorkehrungen in Bezug auf drittklassige Airlines, wird meine Vorsicht von “guten” Männern eher als übertrieben empfunden. Denn die “guten” Männer wissen nicht, wie oft uns die “schlechten” begegnen. Sie sind nicht dabei. Sie sehen es nicht, wenn mal wieder eine fremde Hand in der vollen Bahn an unseren Hintern krault. Wenn wieder mal jemand seine sexuelle Befriedigung höher stellt als unsere Rechte.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unseren Freunden, Brüdern und Söhnen, unseren Männern, Neffen, Lehrern und Trainern, all den guten Männern in unseren Leben mit voller Offenheit erzählen was uns immer und immer wieder passiert.

Dass unsere Bedenken allein im Dunkeln heim zu gehen, nicht die “mädchenhafte” Version von den Monstern unterm Bett ist, und dass wir niemandem den Abend versauen wollen, sondern dass uns da draußen eine andere Art von Mann begegnet als sie. Dass wir nicht alles unbedacht sagen oder tun können, weil solche Männer uns “falsch verstehen”.

Nicht immer. Aber leider noch viel zu häufig.

Mein lehrreichstes Erlebnis war beispielsweise überhaupt nicht körperlich. Der Betreffende war nicht einmal im gleichen Raum.
Er sollte neue Kabel zu legen, und hat “Kabel legen” für Code gehalten.
Er: Anzügliche Textnachrichten.
Ich: Auftrag storniert. Nummer blockiert.
Ergebnis:

  • 1.  Keine neuen Kabel. Bis heute nicht.
  • 2. Unbekannte Handwerker treffe ich nicht mehr alleine.

So ist meine Welt eben doch etwas kleiner. Findet komischerweise jeder vollkommen normal.
Aber dass ich nicht möchte, dass meine persönlichen Daten ungefragt weitergegeben werden, das wird immer wieder mit zum Himmel rollenden Augen und leichtem Seufzen aufgenommen…

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir reden.