Von Träumen und Traumata

In der ZEIT Magazin Reihe “Ich habe einen Traum” werden regelmäßig Prominente zu ihren Träumen befragt, und meist kommen wirklich interessante Gedanken dabei raus.
Vor kurzem war Iris von Arnim dran.
Sie ist wahrscheinlich die bekannteste Cashmere Designerin überhaupt, und wenn man mal nicht selberstricken mag, dann könnte man bei vielen Entwürfen glatt schwach werden!

Im Artikel erzählt sie, wie ein schwerer Autounfall sie zum Stricken, und damit zum Grundstein ihres Unternehmens gebracht hat. Sie sagt:

Durch den Albtraum meines Unfalls habe ich meinen Platz in der Welt gefunden.”

gehsteig

“Kopfsteinpflasterübergang” für Rollstuhlfahrer und High Heels Trägerinnen (am Prinzipalmarkt in Münster)

Aus dem Stehgreif fallen mir mehrere Menschen ein, die auch in einer wirklich schweren Phase ihre Kreativität (wieder-) entdeckt haben. Erstaunlich viele davon hängen auch Jahre später noch an der Strick-/Häkelnadel. Ich selbst eingeschlossen.

Wie man die Nadeln in die Finger kriegt…

Ich bilde mir ein, dass mich das Stricken/Häkeln vor dem Wahnsinn bewahrt hat. Nach einem eigentlich unbedeutenden Sturz (und einer nicht so gelungenen OP) habe ich ein Jahr lang nur mit Krücken laufen können, musste Unmengen von Medikamenten nehmen, und konnte nur warten. Eigentlich haben wir alle, Ärzte, ich, meine Familie, nur auf den Tag gewartet an dem ich durchdrehe, das endlose Sitzen nicht mehr haben kann. Die passenden Medikamente lagen für den Ernstfall schon in meinem Schrank, denn ein Arzt rechnete fest mit einer tiefen Depression. Zum Glück hat er damit daneben gelegen. Stattdessen hat die Erfahrung mich wahrscheinlich eher gefestigt.

krücken

Man kann Krücken “verschleißen”

Schwierig war es. Ich habe immer viel Bestätigung daraus gezogen, wenn ich etwas geschafft hatte, wenn ich in Studium oder Beruf etwas erreicht hatte. Doch jetzt vergingen die Tage, es war kein einziges Ergebnis vorzuweisen, nichts woraus ich Bestätigung ziehen konnte.

Heilende Nadeln – ganz ohne Akupunktur

Dann habe ich mir mithilfe von Youtube selbst erst das Häkeln, dann das Stricken beigebracht. Und auf einmal konnte ich am Ende des Tages sagen: Heute habe ich etwas geschafft. Entweder hatte ich etwas neues gelernt, oder eben etwas fertig gemacht.

nadelmagie

Über kurz oder lang kam dann doch der körperliche Fortschritt. Zwar werde ich vermutlich nie einen Marathon laufen können, und sollte mich auch vorsichtshalber von Risikosportarten fern halten; aber ich laufe, nehme keine Medikamente mehr, kann wieder ohne Hilfe mein Leben meistern. (Man macht sich kein Bild davon, was alles mit Krücken unmöglich wird: Angefangen beim Nahrung vom Herd zum Tisch befördern, über Staubsaugen, bis hin zum Besuch eines Restaurants, das vom Bordstein zwei Treppenstufen ohne Geländer hoch liegt.) Vielleicht hätte ich auch ohne Nadeln das Ganze irgendwie überstanden, aber geschadet hat es bestimmt nicht. Das ist sogar wissenschaftlich erforscht.

Die Krise als Keim für Veränderung?

Der Ökonom Joseph Schumpeter hat die These der “schöpferischen Zerstörung” aufgestellt. Vielleicht gibt – so betrachtet – eine Lebenssituation, in der man nicht mehr weitermachen kann wie bisher, auch erst die Möglichkeit zu Neuem.

Für mich hat sich so vieles ergeben, dass ohne Unfall nicht denkbar gewesen wäre, das ich aber auch nicht mehr missen möchte: Stichfest, mein Hund, ein neues Zuhause, und die Erfahrung auf welche Menschen man sich wirklich verlassen kann. Und natürlich habe ich ein tolles neues Hobby!

Wisst ihr noch wie ihr an die Nadeln gekommen seid? Sind das eher gute Erinnerungen, oder auch eher nicht so gute?